Antrittsrede von Michael v. zur Mühlen zur Bertolt Brecht Gastprofessur der Stadt Leipzig, 16. April 2019
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
sehr geehrte Frau Rektorin, Frau Prof. Schücking,
sehr geehrter Herr Prof. Brieler,
liebe Anwesende und Abwesende,
lieber Günther Heeg,
lieber Clemens, lieber Enrico
und natürlich: lieber Brecht!
Ich freue mich sehr, dass ich hier stehen darf. Ich kann nicht abstreiten, dass ich auch gerührt bin nach diesem tollen Vortrag….
Wenn Sie nun eine Brandrede für „Das beste Theater der Welt“ erwartet haben, muss ich Sie leider gleich enttäuschen. Wir haben es noch nicht gefunden. Nur so viel kann ich für den Moment vorwegnehmen: „Das beste Theater der Welt“ oder kurz DBTDW muss nicht gut sein, aber besser als alle anderen. Darauf konnten wir uns bereits einigen. Sie werden vielleicht an anderen Stelle und zu anderer Zeit noch davon hören.
Für ein Theater nun, das zwar auf einer wie immer gearteten Bühne stattfindet, sei sie räumlich klar definiert, die Grenzen zwischen Zuschauenden und Akteur*innen auflösend, oder virtuell, für ein Theater, das von diesen Bühnen aus aber den Weg in die Köpfe der Zuschauer*innen nimmt und in der Wirklichkeit die Grenze dessen verschiebt, was vorstellbar ist für das Zusammenleben unter emanzipatorischem Vorzeichen, ist der gute alte Bertolt Brecht nicht der schlechteste Pate. Aber es gilt dabei unruhig zu bleiben, die Theorie gegen die Praxis und die Praxis gegen die Theorie zu wenden, Brecht mit Brecht zu schlagen. Nicht der Brecht der Modellinszenierungen, sondern jener, der in den Tagebüchern davon schreibt, dass sein Galilei nochmal ganz neu und kopernikanisch gemacht werden müsste und der kleine wendige Partisanen-Truppen fordert, die den Selbstwiderspruch hinein in die Institutionen und die künstlerische Arbeit tragen: Dieser Brecht sei unser Gewährsmann.
Man könnte meinen, schaut man sich in den aktuellen Film- und Fernsehproduktionen um, dass wir es aktuell mit einer Brecht-Renaissance zu tun haben. Wohlmeinende Schauspielergrößen des deutschsprachigen Theaters leihen ihre ganze Einfühlungskraft dem letzten großen deutschen Dichter. Bei näherer Betrachtung muss man aber leider feststellen, dass es sich hierbei eher um eine Vernichtung als eine Renaissance handelt. Die aktuellen Produktionen, mal im Gewand des Spektakels, mal der Schmonzette, arbeiten an einer Verzwergung Brechts und seines Denkens. Hierbei sei bemerkt, dass es nicht um die Frage einer besser oder schlechter erzählten Personalgeschichte geht. Allein der Versuch, einen Autor wie Brecht, der so intensiv von der Bedeutungslosigkeit und Ersetzbarkeit des Einzelnen wusste, anekdotisch und auf die Person fokussiert erzählen zu wollen, kann nur scheitern. Es geht nicht um die Frage, ob Brecht ein guter oder gar sympathischer Mensch war, sondern darum, was mit dem in seiner Person und seinem Werk kondensierten Denken noch anzufangen sein könnte. Glaubt man den Filmen, ist das scheinbar recht wenig. Oder eben nur so viel, – und das betrifft dann leider nur und wenn überhaupt die männlichen Zuschauer jenseits der 50 - dass es eben schön ist, ein paar Ideale und ein großes Selbstbewusstsein (Stichwort „Ich bin Goethe.“) zu haben, um bei tollen Frauen landen zu können. Das ging leider kräftig nach hinten los und dass Tom Schilling zukünftig keine Intellektuellen mehr spielen möchte, ist an dieser Stelle nur konsequent.
Ein Theater nach Brecht möchte vor allem eines: Zeigen, was wirklich ist. Sichtbar und begreifbar machen, was allzu oft im Nebel zu verschwinden droht und - nur wie genau, verdammt nochmal – die Möglichkeit zur Veränderung dieser Wirklichkeit aufscheinen lassen. So geht es in erster Linie um eine Technik des Sehens, ein Sehen aber, das sich nicht esoterisch allein auf die sinnliche Wahrnehmung der Augen und des optischen Sehapparats stützt, sondern vielmehr ein Sehen zweiter Ordnung bedeutet. Ein Sehen, das auf die schwer zu greifenden Konstruktionen sozialer Verhältnisse und vor allem auch auf die Bilder im Kopf der Figuren und der Zuschauer*innen von diesen Verhältnissen und deren Begründungen, dass diese Verhältnisse eben genau so und nicht anders sein können, abzielt. Eben Bilder von Bildern oder Blaupausen der Wirklichkeit. Die Revolution der Bilder findet im Kopf statt. Noch nie haben Oper und Theater direkt eine Revolution ausgelöst, nicht „Die Stumme von Portici“ aufgeführt auf einer Opernbühne, sondern nur die inneren Bilder einer Revolution, die in den Köpfen der Zuschauer*innen entstehen und dort innerlich abgefilmt werden. Bilder der Vergangenheit, Bilder der Sehnsucht, Bilder der Zukunft. Erst anschließend bahnen sie sich ihren Weg romantischerweise ins Herz, revolutionärerweise in den Alltag. Wir sind, was wir sehen, und werden, was wir zu sehen in der Lage sind.
Die Probleme fangen allerdings schon beim einfachen Sehen an. Der Sehsinn ist jener der fünf Sinne, der am spätestens ausgebildet wird. Ein Neugeborenes sieht fast nichts und zumeist ist es auch der Sehsinn, der gegenüber den anderen früher nachlässt. Nachts sowie bei Dunkelheit ist der Mensch ziemlich aufgeschmissen. Schlechte Voraussetzungen also für ein geschärftes Sehen? Vielleicht auch gerade im Gegenteil. Wer sehen will, braucht Hilfsmittel, Techniken und Prothesen. Kerzen, Lampen, Brillen, Teleskope, Röntgenapparate - gerade der Mangel macht erfinderisch.
Das soziale Sehen oder Sehen zweiter Ordnung bedarf besonderer Hilfsmittel. Es ist das Leichte, das schwer zu machen ist. Zur sehr sind die sozialen Beziehungen durch Gewohnheiten normalisiert und das gesellschaftliche Gefüge durch Bilder legitimiert, als dass ohne weiteres etwas kenntlich werden könnte. Der Druck der gesellschaftlichen Anpassung an soziale Normen ist zu groß. (Und kaum jemand möchte von sich aus asozial sein, das heißt außen stehen und in Widerspruch gehen zu einer Situation.) Einverständnis ist vermeintlich leichter herzustellen als Differenz. Das Theater, besser eine bestimmte Form des Theaters, dient hier als Prothese, als Sehhilfe für die Wirklichkeit. Diese begegnet uns zumeist krisenhaft, wirr und widersprüchlich, gleichzeitig ver- und entortet, medial vermittelt. Vor lauter Bildern, Tönen, emotionaler Anteilnahme, Abscheu oder Verstrickung wird in der allgemeinen Erregungskurve zwar das Detail, aber nicht das Ganze sichtbar. Die berühmte Trennung der Elemente nach Brecht ist hier aus heutiger Perspektive auch als Selbstverteidigungstechnik gegen den Ansturm der Bilder, Informationen und emotionalisierenden Tonspuren anwendbar: zeitweilige Reduktion von Komplexität und Neuorganisation des Materials um Komplexität wahrnehmbar zu machen. Die Töne, Bilder, Gesten und Informationen isolieren und neu montieren, das wahrnehmbar machen, was nicht sichtbar wird, solange alles zu gut oder zu schlecht zusammenpasst. Die Unterbrechung provozieren, damit man mit dem Denken dazwischen kommt. Jede gute Kampfkunst nutzt die Bewegungsenergie des Angreifers intelligent aus und gibt sie mehrfach potenziert wirksam zurück. So auch die neugewonnen Montagen und Erzählungen der Wirklichkeit, die es zu beschleunigen gilt. Überforderung ist mit Überforderung zu bezahlen.
Machen Sie einmal den Test und sehen Sie sich einen Film oder die Tagesthemen vollkommen ohne Ton an, oder verschließen Sie sich im Alltag mal für eine längere Zeit die Ohren und beobachten Sie, was so um Sie herum vorgeht. Bevorzugt in einer langen Einstellung. Womöglich wird Ihr Blick geschärft für die Architektur, die Raumordnung, die immer auch Hierarchie repräsentiert, und die sozialen Gesten. (Aus der tosenden Stille wird eine kommentierende Tonspur ganz von selbst zu hören sein.) Und auch jetzt in diesem Moment, in dieser Situation meiner Rede wird Ihnen unter Umständen klar, sobald Sie sich die Ohren zuhalten klar, dass hier einer spricht, während viele andere zuhören.
Es geht um Licht und Dunkel, das, was noch im gesellschaftlichen Dunkel liegt dennoch aber wirkt und lebt. Um Sieger und Verlierer. So banal die Zeile über jene, die im Licht sichtbar und andere die im Dunkeln unsichtbar sind, auch sein mag, weitergedacht fordert sie soziale Empathie und ein gesteigertes Bewusstsein für gesellschaftliche Komplexität, Abhängigkeiten und Arbeitsteilung ein. Sie bringt verborgene Vorgänge und Menschen in den Fokus und erzählt von einer Verbindung zu ihnen. Auch hier kann ein Selbstversuch interessant sein. Probieren Sie einmal aus, die Fragen eines Lesenden Arbeiters im Alltag zu stellen, beim Telefonieren, Einkaufen, Fliegen, Rauchen oder auch beim Denken. Ich telefoniere? Ich kaufe ein? Ich denke? Nach kurzer Zeit wird Ihnen vielleicht der Kopf schwirren und selbst die Dinge, die sie gerade noch souverän genutzt haben, werden zu verwandelten Menschen, deren Geschichten Sie nur erahnen und die im Dunklen liegen. Mit Brecht denken bedeutet, sich aus dem Zentrum zu nehmen. Wie Galilei die Erde zu einem Gesteinsklumpen unter vielen erklärt und damit gleichsam die Erde provinzialisiert und den geltenden Machtanspruch des Vatikan abräumt, ist dieses Denken das beste Gegengift, Mittel, um sich die Relativität der eigenen Position vor Augen zu führen und Bewusstsein seiner Privilegien zu erlangen.
Der Titel auf der heutigen Einladungskarte macht mir Bauchschmerzen: “Ändere die Welt, sie braucht es!“. „Ja natürlich“ möchte man ausrufen und: „Das ist doch offenkundig!“ Doch was passiert, wenn eine wirkliche Perspektive abhanden gekommen zu sein scheint? Und was repräsentieren wir überhaupt als Theaterschaffende in diesen (leider zunehmend schlecht ausgestatteten) Tempeln der Kunst, die mehr Ausschlüsse produzieren als uns lieb sein dürfte? Es kann nicht ausreichen die bekannten Geste des Politischen zu wiederholen und Schauspieler*innen voller Inbrunst aufrührerische Texte sprechen zu lassen. Das endet allzu schnell im Kitsch der eigenen Bedeutung und dem wohligen Gefühl, doch noch auf der richtigen Seite zu stehen. Selbstberuhigung statt Selbstbeunruhigung. Der schöne Text „Ändere die Welt, sie braucht es!“ muss leider gestrichen werden – kill your darlings! - und auch der hübsche Satz „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“ geht nur als blasse Erinnerung über Schumanns „Träumerei“ als Hintergrundmusik.
Brecht ist hierbei vielleicht im besonderen ein Autor für desorientierte Zeiten. Seine Figuren wissen von innerer Zerrissenheit zu berichten, die sich bei Shen Te und Shui Ta bis zur Schizophrenie steigert. Eine Schizophrenie, geboren aus einem gesellschaftlichen double bind, zwischen moralischem Anspruch an sich selbst und realen machtvollen Verhältnissen, zu deren Veränderung die Kraft fehlt. Mich haben diese zum krisenhaften Schauplatz gesellschaftlicher Widersprüche gewordenen Figuren immer wieder fasziniert. Sie sind sinnbildlicher Ausdruck einer Konfliktlage, die sich angesichts der scheinbaren Unauflösbarkeit der äußeren Verhältnisse konsequent ins Innere verschiebt. Treibt man das Spiel nun weiter und setzt an Stelle des im klassischen Theater und auch bei Brecht durch Antagonisten repräsentierten Konflikts konsequent die unauflösbar ins Innere gewendete Krise als Zustandsbeschreibung des zeitgenössischen Subjekts, offenbaren Brechts Texte einen ungeahnten Realitätsgehalt und eine Beschreibungspotenz unserer Wirklichkeit. Und es werden nicht nur Shen Te und Shui Ta doppelgesichtig, sondern auch Galilei und der Inquisitor, der kleine Mönch, Mauler und Johanna und die Einwohner*innen von Mahagonny sowieso. Und so taumeln sie zwischen visionärem Denken und Anpassung durch Selbstzensur, Geschäft und moralischer Größe, Euphorie und Depression, Zukunftsangst und Fortschrittsglauben durch eine Wirklichkeit, die sie alle nicht mehr vollständig überblicken. Um diese Zustände des Taumelns geht es. Denn der Taumel auf der Bühne wird sich in einen Taumel zwischen Elektrisierung und Nüchternheit der Bilder in den Köpfen der Zuschauer*innen verwandeln und explosionsartig neue Bilder entstehen lassen. Hoffentlich Bilder der Uneinigkeit und radikaler Subjektivität. Die Einigkeit ist ein Ziel der Politik, im Theater geht es darum un-eins zu werden.
Lassen Sie mich mit einem hijack von ein paar Sätzen eines französischen Filmemachers enden, der wie kein anderer die Bilder zum Denken gebracht hat und das Sehen in Bezügen und Verhältnissen zur Perfektion getrieben. Eine Transposition brechtschen Denkens in den Film:
„Was ist das Theater? Es ist nichts! Was möchte es sein? Alles! Was kann es sein? Etwas.“
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.